Wer regelmäßig im Garten arbeitet, ist ihm vielleicht schon begegnet, ohne es zu wissen: dem Ohrwurm, im Volksmund auch „Schereninsekt“ genannt. Dieses faszinierende Tier gehört zur Ordnung der Dermaptera und ist vor allem durch seine markanten zangenartigen Fortsätze am Hinterleib unverwechselbar. Trotz seines etwas unheimlichen Aussehens spielt es eine wichtige Rolle im Gartenökosystem – und wird dabei häufig unterschätzt oder voreilig bekämpft.
Was ist der Ohrwurm und wie erkennt man ihn im Garten?
Der Ohrwurm ist ein mittelgroßes Insekt mit einem schlanken, rötlich-braunen Körper, der in der Regel zwischen 10 und 20 Millimeter lang ist. Das auffälligste Merkmal sind die zangenartigen Cerci am Hinterleib – beim Männchen stark gebogen, beim Weibchen eher gerade. Diese „Scheren“ dienen nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Kommunikation und bei der Paarung. Der Ohrwurm ist nachtaktiv und verbringt den Tag versteckt unter Steinen, Rinde oder zwischen dichten Blättern. Im Garten findet man ihn besonders häufig in feuchten, schattigen Bereichen sowie in Komposthaufen.
Lebensraum und Verhalten: So lebt das Schereninsekt
Der Ohrwurm bevorzugt feuchte und schattige Umgebungen. Er ist in Gärten, Wäldern und Parks gleichermaßen anzutreffen und gilt als Zeichen eines gesunden, artenreichen Lebensraums. Tagsüber bleibt er verborgen, nachts hingegen ist er aktiv auf Nahrungssuche. Seine Ernährung ist dabei erstaunlich vielseitig: Er frisst zwar pflanzliches Material wie Blätter und Blütenblätter, ist aber auch ein nützlicher Räuber, der Blattläuse, Milben und andere Schadinsekten vertilgt.
Besonders bemerkenswert ist sein Verteidigungsverhalten. Fühlt sich der Ohrwurm bedroht, hebt er den Hinterleib an und öffnet drohend seine Zangen. Manche Arten können zusätzlich eine unangenehm riechende Flüssigkeit absondern, um Feinde abzuschrecken. Dieses Verhalten wirkt auf den ersten Blick aggressiv, ist jedoch rein defensiv.
Ohrwurm im Garten: Nützling oder Schädling?
Diese Frage stellen sich viele Hobbygärtner – und die Antwort ist differenzierter, als man denkt. Der Ohrwurm ist grundsätzlich ein wertvoller Nützling. Er bekämpft natürliche Schädlinge und trägt zur Zersetzung organischen Materials bei, was den Boden langfristig bereichert. In einem ausgeglichenen Gartenökosystem überwiegen seine positiven Effekte deutlich.
Problematisch wird es erst, wenn die Population stark anwächst. In solchen Fällen können Jungpflanzen, Blüten und Früchte – darunter Erdbeeren, Dahlien oder Kohlrabi – merklich beschädigt werden. Die Fraßspuren sind leicht zu erkennen: unregelmäßige Löcher an Blättern und Blütenblättern, oft kombiniert mit kleinen dunklen Kotkügelchen in der Nähe. Dennoch bleibt echter wirtschaftlicher Schaden im Hausgarten die Ausnahme, nicht die Regel.
Wie man Ohrwürmer im Garten sinnvoll reguliert
Wer eine zu große Population bemerkt, sollte zunächst ruhig bleiben und beobachten. Ein einzelnes Exemplar ist kein Problem – im Gegenteil. Erst wenn wiederholt deutliche Schäden an mehreren Pflanzen sichtbar werden, ist ein gezieltes Eingreifen sinnvoll. Dabei gilt: Chemische Pestizide sollten immer das letzte Mittel sein, da sie das gesamte Ökosystem des Gartens schädigen können.
Bewährte, naturverträgliche Methoden zur Regulierung sind unter anderem:
- Ohrwurmfallen aus umgedrehten Blumentöpfen oder mit Holzwolle gefüllten Röhren aufstellen und die Tiere morgens absammeln
- Natürliche Feinde fördern, etwa Vögel, Igel oder Laufkäfer, die Ohrwürmer fressen
- Pflanzen mit empfindlichen Früchten gezielt kontrollieren und bei Bedarf mechanisch schützen
Artenvielfalt im Garten gezielt fördern
Der Ohrwurm ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Insekten im Garten differenziert zu betrachten. Wer voreilig greift, riskiert, wertvolle natürliche Helfer zu vertreiben. Ein artenreicher Garten mit verschiedenen Pflanzengruppen, Totholz, Wasserstellen und naturbelassenen Bereichen schafft die Grundlage für ein stabiles ökologisches Gleichgewicht. Darin findet auch der Ohrwurm seinen Platz – und leistet seinen Beitrag zu einem gesunden, lebendigen Garten, ganz ohne menschliches Eingreifen.
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