Wenn Kaninchen im Garten zu buddeln beginnen, entsteht oft ein Dilemma zwischen dem Wunsch nach einem gepflegten Außenbereich und dem Respekt vor den natürlichen Bedürfnissen dieser sensiblen Tiere. Das Graben ist für Kaninchen keine Marotte, sondern ein tief verwurzelter Instinkt, der ihre physische und psychische Gesundheit maßgeblich beeinflusst. Der wissenschaftliche Name der Kaninchenart – Oryctolagus cuniculus – verweist direkt auf diesen Grundinstinkt, denn Oryctolagus cuniculus bedeutet „unterirdisch Gänge grabender Hase“. In freier Wildbahn legt das Europäische Kaninchen komplexe Tunnelsysteme an, die Schutz, Temperaturregulation und soziale Strukturen bieten. Diese Bauten können von einfachen Strukturen mit einem Eingang bis zu extrem komplexen Systemen mit über 150 Eingängen variieren, wobei einzelne Gänge bis zu drei Meter tief in die Erde reichen und 45 Meter lang sein können. Dieses Verhalten einfach zu unterbinden, würde erhebliches Leid verursachen und Verhaltensstörungen fördern.
Warum Kaninchen graben müssen – genetisch codiertes Verhalten
Das Grabeverhalten von Kaninchen lässt sich über Jahrtausende der Evolution zurückverfolgen. Scharren und Graben gehören zum natürlichen Verhaltensrepertoire und sind notwendig für die Anlage von Erdbauten und Nestern sowie zur Umwelterkundung. Für domestizierte Kaninchen bleibt dieser Drang bestehen, selbst wenn sie in menschlicher Obhut leben.
Kaninchen, denen nicht ausreichend Platz und Bewegungsfreiheit zur Verfügung steht, zeigen erhöhte Stresshormone im Kot und auffälliges Verhalten mit ständig wiederholten Bewegungsabläufen. Eine wissenschaftliche Studie mit einer achtwöchigen Beobachtungsphase verglich Kaninchen in kleinen Ställen mit begrenztem Auslauf gegenüber Kaninchen mit größeren Ställen und unbegrenztem Zugang zu Ausläufen. Das Ergebnis war eindeutig: Tiere in kleinen Ställen mit limitiertem Auslauf zeigten deutlich erhöhte Stresswerte und abnormales Verhalten, während Kaninchen mit größeren Ställen und uneingeschränktem Auslauf nur geringe Stresshormone aufwiesen.
Besonders Häsinnen zeigen ein intensiviertes Grabeverhalten, wenn sie geschlechtsreif werden oder eine Scheinschwangerschaft durchleben. Die Zibbe ist für den größten Teil des Grabens und der Errichtung eines Tunnelsystems verantwortlich. Die dominante Zibbe bewohnt das Zentrum des Kaninchenbaus und setzt dort ihre Würfe, während weniger gut situierte Zibben ihre Würfe normalerweise in kleineren, weniger zentral gelegenen Höhlen platzieren. In diesen Phasen bereiten sie instinktiv Nester vor – ein Verhalten, das so stark ausgeprägt ist, dass manche Tiere sich buchstäblich die Pfoten wund graben, wenn ihnen keine Alternativen geboten werden.
Die versteckten Gefahren unkontrollierter Grabeprojekte
Während das Graben für Kaninchen essenziell ist, bergen die selbst angelegten Tunnel erhebliche Risiken. Einsturzgefahr bedroht nicht nur das Tier selbst, sondern kann auch für Menschen zu gefährlichen Stolperfallen werden. Ein plötzlich nachgebender Rasen kann zu Verstauchungen oder Knochenbrüchen führen – sowohl bei den Gartenbesitzern als auch bei den Kaninchen, die in ihren eigenen Tunneln verschüttet werden können.
Hinzu kommt die Gefahr der Flucht: Ein ausreichend tiefer Tunnel unter dem Zaun hindurch bedeutet oft eine lebensbedrohliche Situation für domestizierte Kaninchen, die den Gefahren der Außenwelt schutzlos ausgeliefert sind. Hauskaninchen können weder Raubtiere erkennen noch geeignete Nahrung finden, weshalb Schutzmaßnahmen gegen unbeabsichtigtes Ausbrechen unbedingt notwendig sind.
Ernährung als Schlüssel zur Verhaltenssteuerung
Was viele Kaninchenhalter überrascht: Die Fütterungsstrategie beeinflusst das Grabeverhalten signifikant. Eine artgerechte Ernährung wirkt sich nicht nur auf die körperliche Gesundheit aus, sondern auch auf das psychische Wohlbefinden und damit auf Verhaltensweisen wie das Graben. Kaninchen mit ständigem Zugang zu Heu zeigen weniger Stereotypien – wiederholte abnormale Verhaltensweisen – als Tiere ohne ausreichende Ernährung. Intensives Graben kann ein Zeichen von Langeweile, mangelnder geistiger Stimulation oder unzureichenden Bewegungsmöglichkeiten sein.
Strukturiertes Futter reduziert Langeweile
Kaninchen, die ausschließlich Pellets oder Trockenfutter erhalten, nehmen ihre Tagesration oft innerhalb von 20 Minuten auf. Die verbleibenden Stunden des Tages verbringen sie mit der Suche nach Beschäftigung – häufig in Form von exzessivem Graben. Der natürliche Zustand sieht völlig anders aus: Wildkaninchen verbringen den Großteil ihrer aktiven Zeit mit Nahrungssuche und Nahrungsaufnahme. Die Lösung liegt in einer naturnahen Fütterung mit unbegrenzt Heu unterschiedlicher Sorten zur ständigen Verfügung, großen Mengen Frischfutter zwischen 200 und 300 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich, blättrigen Kräutern und Wildpflanzen, die langwieriges Kauen erfordern, sowie Ästen von Obstbäumen, Haselnuss oder Weide zum Benagen.

Magnesium und B-Vitamine für ausgeglichene Nerven
Nervöse, übermäßig aktive Kaninchen graben oft intensiver als ausgeglichene Artgenossen. Magnesium spielt eine zentrale Rolle für das Nervensystem, und ein Mangel kann zu erhöhter Nervosität und Stressanfälligkeit führen. Dunkelgrünes Blattgemüse wie Petersilie, Basilikum oder Feldsalat liefert reichlich Magnesium und sollte täglich auf dem Speiseplan stehen.
B-Vitamine, insbesondere B1 und B6, spielen ebenfalls eine zentrale Rolle für die Nervenfunktion. Kaninchen synthetisieren diese Vitamine normalerweise durch Blinddarmkot-Aufnahme, doch Stress oder Verdauungsstörungen können diesen Prozess beeinträchtigen. Fenchel, Dill und verschiedene Kohlsorten unterstützen eine gesunde Darmflora und damit die B-Vitamin-Produktion.
Strategische Futterplatzierung als Ablenkung
Die Art und Weise, wie Futter angeboten wird, kann das Grabeverhalten gezielt kanalisieren. Statt Gemüse in Schalen zu präsentieren, sollten Gartenbesitzer Futterverstecke im gesamten Gehege verteilen. Dies aktiviert den Futtersuch-Instinkt und lenkt Energie vom Graben auf die Nahrungssuche um. Bewährte Methoden sind das Verstecken von Kräutern zwischen Grasbüscheln, das Verteilen von Gemüsestücken in Heuraufen, sodass Kaninchen danach suchen müssen, der Einsatz von Futterbällen oder Futterröhren aus Naturmaterialien sowie die Verteilung mehrerer kleiner Mahlzeiten über den Tag statt einer großen Portion.
Gezielte Grabezonen mit ernährungsphysiologischem Mehrwert
Die wirksamste Lösung kombiniert Verhaltensmanagement mit cleverer Gartengestaltung: Schaffen Sie kontrollierte Buddelzonen, die gleichzeitig als Futterquelle dienen. Eine mit lockerer Erde gefüllte Kiste oder ein abgegrenzter Gartenbereich kann mit essbaren Pflanzen bestückt werden, die Kaninchen ausgraben dürfen.
Die essbare Buddelbox
Eine etwa einen Quadratmeter große, 40 Zentimeter tiefe Holzkiste ohne Boden wird an einer geeigneten Stelle im Garten platziert. Füllen Sie diese mit torffreier Erde oder Sand für gute Grabbarkeit, eingebuddelten Karotten, Pastinaken oder Sellerie, Wurzeln von Löwenzahn oder Topinambur sowie versteckten Heubündeln mit getrockneten Kräutern. Kaninchen lernen schnell, dass sich das Graben in dieser Zone lohnt, während andere Bereiche des Gartens uninteressanter werden. Tiere bevorzugen Orte, die mit positiven Erfahrungen wie Futterbelohnungen verknüpft sind.
Calciumreiche Ernährung und Knochengesundheit
Intensives Graben stellt hohe Anforderungen an die Knochenstruktur und Gelenkgesundheit der Kaninchen. Eine calciumreiche Ernährung unterstützt stabile Knochen, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Zu viel Calcium führt bei Kaninchen zu Harnsteinen, da sie überschüssiges Calcium über die Nieren ausscheiden. Die optimale Balance erreichen Sie durch calciumarme Gemüsesorten wie Gurke, Paprika oder Zucchini als Hauptbestandteil, ergänzt durch moderate Mengen calciumreicherer Pflanzen wie Broccoli, Mangold oder Gänseblümchen. Luzerne-Heu sollte nur für junge, wachsende oder untergewichtige Kaninchen verwendet werden, da es extrem calciumreich ist.
Wasser als unterschätzter Faktor
Ausreichende Flüssigkeitszufuhr beeinflusst das Aktivitätslevel und die Konzentrationsfähigkeit von Kaninchen erheblich. Dehydrierte Tiere zeigen häufig stereotypes Verhalten, einschließlich zwanghaftem Graben an immer derselben Stelle. Frisches Wasser muss ständig verfügbar sein, idealerweise in schweren Keramikschalen, die nicht umkippen können.
Wasserreiches Gemüse wie Salate, Gurken oder Staudensellerie tragen zusätzlich zur Flüssigkeitsversorgung bei und fördern eine gesunde Nierenfunktion. Eine gut hydrierte Verdauung funktioniert effizienter, was wiederum die Nährstoffaufnahme optimiert und zu ausgeglichenerem Verhalten führt.
Saisonale Anpassungen der Fütterung
Das Grabeverhalten intensiviert sich oft in Frühjahr und Herbst – Zeiten natürlicher Verhaltenszyklen. Im Frühjahr bereiten sich Kaninchen instinktiv auf die Fortpflanzungszeit vor, im Herbst auf den Winter. Eine Anpassung der Ernährung an diese Phasen kann helfen, das überschüssige Energielevel konstruktiv zu kanalisieren.
Im Frühjahr bieten frische Wildkräuter wie Löwenzahn, Giersch oder Vogelmiere nicht nur ernährungsphysiologische Vorteile, sondern beschäftigen Kaninchen intensiv mit Fressen statt mit Graben. Im Herbst können vermehrt Wurzelgemüse und Knollengewächse angeboten werden, die längeres Kauen erfordern und sättigender wirken.
Die Verbindung von artgerechter Ernährung mit durchdachtem Verhaltensmanagement schafft eine Situation, in der sowohl die natürlichen Bedürfnisse der Kaninchen erfüllt werden als auch der Garten geschützt bleibt. Es erfordert Geduld und Beobachtungsgabe, doch die Belohnung ist eine harmonische Koexistenz, in der Tiere ihr arttypisches Verhalten ausleben können, ohne Schaden anzurichten. Jedes Kaninchen ist ein Individuum mit eigenen Vorlieben – die optimale Lösung entsteht durch aufmerksames Eingehen auf die spezifischen Bedürfnisse Ihrer Tiere.
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